Fast jedes Computer-Programm kann man dazu bringen, unsinnige Ergebnisse zu liefern. Man braucht es nur mit hinlänglich wirren Daten zu füttern: 'Mist rein, Mist raus' lautet denn auch eine alte Programmierer-Weisheit. (Brian Hayes)


Was ist der Phrasinator?

Der Phrasinator analysiert Texte und kann anschließend neue Texte im Stil des Urmaterials schreiben.

Wie funktioniert er?

Das Rohmaterial waren die Wahlprogramme der Parteien zur Wahl 2005. Der Phrasinator analysiert zunächst die Wortfolgen und erstellt darüber eine Statistik. Mit der Statistik zur Hand würfelt der Phrasinator Wortfolgen aus und setzt sie zu neuen Sätzen zusammen.

Steht das wirklich im Wahlprogramm von Partei X?

Der Phrasinator benutzt die Originaltexte der Parteien und mischt per Zufallsgenerator diese Textfragmente neu. Es wurde nichts hinzugefügt.

Versteht der Phrasinator den Inhalt der Wahlprogramme?

Nein. Er ist vollkommen blöd und hat nur eine Statistik zur Hand. Man könnte ihn auch mit chinesischen Schlagertexten oder ungarischen Bedienungsanleitungen als Rohmaterial füttern.

Beherrscht der Phrasinator die deutsche Grammatik?

Nein. Er macht sogar mehr Sprachfehler, als viele bemerken. Er benutzt aber verschachtelte Sätze mit vielen Füll-Formulierungen, deshalb verzeihen Leser und Zuhörer ihm schnell und sprechen ihm mehr Intelligenz und Kompetenz zu, als er tatsächlich hat (nämlich gar keine).

Wozu der RSS2-Feed?

Alle modernen Politiker bloggen zur Wahl und haben einen Podcast, natürlich auch der Phrasinator.

Kenne ich den Phrasinator nicht schon von früher?

Ja, er ist erstmalig unter dem Namen Phrasendrescher zur Wahl 1998 angetreten. Da phrasendrescher.de aber heute belegt ist, musste ein neuer Name her. Er war schon damals erstaunlich beliebt und wurde sehr oft aus Partei- und Regierungsbüros abgerufen.

Unter der Hand äußerten zahlreiche Politiker und Berufs-Ghostwriter, wie sehr sie sich darüber amüsierten, offizielle Statements kriegte ich aber nie. Ein Ghostwriter wollte die Software sogar ernsthaft kaufen und als Zusatzfunktion in seiner Textverarbeitung haben. Zur Inspiration, falls er mal wieder unter Schreibblockade leidet.

Lohnt es sich, ein Wahlprogramm zu lesen?

Ja. Ehrlich!

Und? Wie sind sie so, die Programme?

Wieder sind die Grünen am redseligsten und liefern das längste Wahlprogramm -- 30 Prozent mehr Text als die FDP, 150 Prozent mehr als die CDU und 280 Prozent mehr als die Linkspartei, die im Vergleich das kürzeste Wahlprogramme stellt. (Weitere Wahlprogramme werden in den nächsten Tagen hinzukommen. Die Kleinst- und Splitterparteien fassen sich meist noch kürzer, einige formulieren Wahlprogramme, die aus wenigen Absätzen bestehen.)

Die Programme von CDU und SPD sind in etwa gleich lang, unterscheiden sich aber stark in Aufbau und Tonfall. Einig sind sich die Autoren beider Programme, dass die jeweils anderen Schuld haben, und verwenden viel Platz dafür, den Gegner anzuschwärzen: Die CDU gibt der SPD/Grüne-Kolation die Schuld für aktuelle Missstände. Die SPD verweist ihrerseits nach 7 Jahren an der Macht immer noch auf die Erblast, die sie von der Kohl-Regierung übernehmen musste.

Ok, der Phrasinator ist ein Jux. Gibt es auch seriöse Informationen zum Thema?

Fast alle Parteien bieten Kurzfassungen ihrer Wahlprogramme, einige Parteien vergleichen auch Kernargumente der eigenen Programme mit denen der politischen Gegner. Natürlich ist auch das Wahlkampf und alles andere als unabhängig.

Neben dem kurzweiligen Klassiker Wahl-O-Mat bieten sich Parteien im Vergleich und Kandidatenwatch an, wenn man eine unabhängige Übersicht über die Thesen der Wahlprogramme 2005 sucht. Der Heise Newsticker gibt außerdem viele weitere informative Link-Tipps und bietet ein eigenes Special zum Thema Wahlprogramme, in dem IT-Redakteure die Wahlkampf-Inhalte abklopfen.

Falls Sie einem sehbehinderten Bekannten haben, können Sie für ihn bei Ekirbuss die vorgelesenen Parteiprogramme im MP3-Format herunterladen oder auf CD bestellen.

Wer ist Brian Hayes, der oben zitiert wird?

Basierend auf Ideen von William R. Bennett erfand Brian Hayes das Grundprinzip des Phrasinators. Er schrieb für das Magazin Scientific American die legendäre Artikelserie Computer Recreations, die in Deutschland unter dem Titel Computer-Kurzweil erschien. Dort beschrieb er 1983 in dem Artikel A progress report on the fine art of turning literature into drivel einen Algorithmus für einen Zufallstext-Generator. Rohmaterial für seine Tests waren u.a. Shakespeare und lateinische Klassiker.

Mr. Hayes kennt den Phrasinator und freute sich sehr darüber, dass seine (inzwischen über 20 Jahre alte) Idee es bis zur deutschen Bundestagswahl gebracht hat.


Ich beantworte gerne weitere Fragen und freue mich über Kommentare.